Wissenswertes zum Chorwesen

Wie sind Chöre entstanden und wie unterscheiden Sie sich von „Sing-Gruppen“?

In unserer Zeit versteht man unter einem Chor eine Gemeinschaft von Singenden, in der jede der verschiedenen „Stimmen“ mehrfach besetzt ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Erwachsene, Kinder, Jugendliche, Frauen oder Männer handelt.

Dieser moderne Chorbegriff prägte sich erst im 17. und 18. Jahrhundert aus.

Das Wort Chor ist jedoch viel älter, es entstand vor etwa 2500 Jahren im alten Griechenland und bezeichnete zunächst einen Tanzplatz, einen Reigen bzw. eine tanzende Gruppe von Menschen. Dabei muss man wissen, dass in dieser alten Zeit, Tänze und Riten in der Regel einen kultischen, also religiösen Ursprung hatten, d. h. immer zu Ehren der Götter aufgeführt wurden. So entwickelte sich auch der Chor zu einem Teil von Theateraufführungen, in denen die gespielten Stücke stets einen religiösen Hintergrund hatten oder sogar in der Götterwelt spielten.

Der Chor bot im Theaterspiel den Zuschauern mit seinen in einer Art Sprechgesang gegebenen Kommentaren Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis des gespielten Geschehens, wobei er selbst im hinteren Raum auf der Bühne stand, während die Schauspieler vorne agierten. Untermalt wurde meist das „Singende Sprechen“ durch das Zupfen der Kithara oder der Lyra, die beide als Vorläufer unserer modernen Saiteninstrumente gelten können.

In der Tragödie, also in einem Stück mit ernster Handlung und am Ende mit einem unglücklichen Ausgang (Katastrophe), umfasste der Chor 12 bis 15 Sänger; in der Komödie, die leichte und lockere Unterhaltung bot, waren es bis zu 24 Sänger, die zusätzlich Masken trugen, so dass sie übermenschlichen Wesen gleichen sollten.

Man sieht also, dass der moderne Chor eine lange interessante Tradition hat und für die Menschen bereits in alter Zeit unverzichtbar gewesen zu sein scheint.

Wie entwickelte sich das Medium Chor in der Zeit nach Christi Geburt weiter?

Im Mittelalter tanzten und sangen Männer und Frauen, Buben und Mädchen im Dorf bei Festen gemeinsam unter den Linden auf dem Dorfplatz zu dem Spiel der „Fidel“ (Geige), waren ausgelassen und lustig. Die war jedoch kein Chorgesang.

Auch die Choräle bei der Messe in der Kirche kann man im engeren Sinne nicht als Chor bezeichnen, da lange Zeit die Mehrstimmigkeit fehlte.

Erst mit dem Aufkommen der Oper in Italien und später in Frankreich und Deutschland ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich der mehrstimmige Chorgesang. Man kann erkennen, dass hier die Anfänge von Chor im griechischen Theater wieder aufgenommen wurden, denn der Opernchor begleitet ebenfalls die Handlung auf der Bühne und nimmt dabei eine mehr oder wenige starke Stellung ein.

In den Opernchören der Neuzeit ist dabei die chorische Vierstimmigkeit mit Bass, Tenor, Alte und Sopran zur Regel geworden, d. h. in einem Chor sangen Frauen und Männer gemeinsam. Ähnlich entwickelte sich die geistliche Chormusik z. B. in Gottesdiensten. Kirchenchöre sind auch heute fast immer gemischte Chöre.

Wie kam es zur Tradition des deutschen Männer-Chores?

Natürlich gibt es auch in anderen Ländern Männerchöre von hoher Qualität.

Der typisch deutsche Männer-Chor mit seiner meist wundervollen kräftigen sonoren Ausstrahlung entstand als musikalische Neuerung im 19. Jahrhundert im Zuge der Umgestaltung des Geisteslebens nach der Epoche der rein verstandesbezogenen Aufklärung.

Volkstümliche Werte wie Heimat und Vaterland, patriotisch-deutsche Gesinnung rückten in den Vordergrund, weil man sich nach einem geinten Deutschland als Staat sehnte, während es nur einzelne Fürstenstaaten wie z. B. Preußen, Österreich, Bayern oder Dutzende anderer kleinerer deutsche Staaten dieser Art gab. Oder man traf sich zur Unterhaltung im unpolitischen geselligen Kreise als brave „Biedermeier“. Und dies alles war und sollte reine Männersache sein und bleiben.

Der Männerchor - anfangs ohne die Begleitung durch ein Instrument - trat in dieser Zeit an die Stelle des von Männern, Frauen und Knaben getragenen Gesangs. Das ‚normale‘ Volk sollte über seine nationalen und geschichtlichen Wurzeln, über seine Heimat und sein Land mit der Gestaltung des Liedgutes aufgeklärt und die musikalische Volksbildung sollte gefördert werden.

In diesem Zusammenhang kamen auch wieder entdeckte alte Volkslieder zu Ehren (wie z. B. ja auch die alten Märchen und Sagen – man denke nur an die Gebrüder Grimm - in jener Zeit wieder entdeckt und aufgeschrieben wurden.).

Der typische Männerchor mit Fahne und Pokalen entstand, und es entwickelte sich das Liedgut der Männerchöre basierend vor allem auf Werken von Carl Friedrich Zelter und Friedrich Silcher, die sich u. a. auch zahlreiche Gedichte der Romantik (z. B. von Heinrich Heine: Loreley/Ich weiß nicht, was soll es bedeuten) für ihre Chorsätze zu eigen machten.

Die Männergesangvereine gaben sich oft patriotische Namen („Eintracht“), knüpften an alte Zeiten an (Liedertafel) oder benannten sich nach romantischen Natur-Orten wie dem Rhein. Die Gefühle der Sänger lassen sich also insgesamt als patriotisch und naturverbunden-romantisch bezeichnen.

Dafür lassen sich folgende Gründe erkennen:

Zunächst dominierten politische Themen bis zur Einigung Deutschlands im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Danach wandelte das Liedgut sich mehr und mehr vom Patriotischen ins Romantische, um so beim gemeinsamen Singen zumindest in Gedanken dem damaligen langen Arbeitsalltag entfliehen zu können. Den Stoff bildeten dabei neben Heimat und deutscher Wald, der Wein als goldener Rebensaft, die Liebe oder die Sehnsucht nach der Ferne, wobei dies z. B. durchaus schon die Rüdesheimer Drosselgasse bei den damaligen finanziellen Möglichkeiten des Normalbürgers sowie bei den Verkehrsmöglichkeiten sein konnte.

Der erste Weltkrieg forderte einen heftigen Blutzoll von den deutschen Männerchören.

Aber einen wirklich tiefen Einschnitt bildete der schreckliche zweite Weltkrieg mit seinen großen Opfern an Menschenleben und den tiefgreifenden Veränderung der Welt, die er nach 1945 mit sich brachte.

Die Entwicklung von 1945 bis zur Gegenwart

Oft kamen die überlebenden Sänger nach Kriegsende irgendwann wieder zusammen, um an alte Traditionen anzuknüpfen. Aber auch hier ließ sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen:

Denn während man bis dahin meist nur in Liedern vom weiten Reisen träumte, konnte man nun bei einem wachsenden Wohlstand finanziell und verkehrstechnisch große Entfernungen überwinden und begehrte Reiseziele in der Wirklichkeit mit Eisenbahn, Reisebus, „VW-Käfer“ oder später auf dem Luftweg ansteuern. Man musste also nicht mehr im Männerkreis nur von Sehnsucht nach fernen Zielen gesanglich träumen, man konnte Geträumtes selbst verwirklichen und sich reale Erlebnisse leisten.

Das allmähliche Sterben der traditionellen alten Männergesangvereine setzte langsam und zunächst kaum merklich - aber vielleicht unaufhaltsam ein.

Immerhin gab es ja laut Wikipedia im Jahre 2002 noch 9641aktive Männerchöre in Deutschland, trotz allem eine nicht unerhebliche Zahl, die aber 2015 nicht mehr zutreffen dürfte.

Der deutsche Chorgesang wird nach meiner Überzeugung nicht sterben, denn es wird immer Möglichkeiten für den traditionellen Männerchor geben. Aber die Zukunft scheint mehr und mehr neuen Formen der Chormusik zu gehören. Die Chorliteratur ist mittlerweile ein weites Feld von altem, neuem, von deutschem und internationalem Liedgut geworden. Schlager, Gospels und Popsongs haben ihren Platz im Repertoire gefunden. Und dieses Nebeneinander ist hoffentlich ein dauerhaft gutes Miteinander, dem die Zukunft des Chorgesangs gehören wird.

Quellenangaben

· Wikipedia

· Tewinkel, Christiane: Eine kurze Geschichte der Musik (DuMont 2007)

· Safranski, Rüdiger: Romantik, Eine deutsche Affäre (Hanser 2007)

· Festschriften des MGV Lyra Norheim von 1970, 1980 und 1995Fotos ohne Angaben: Privatbesitz Ottokar Flück

Autor der gesamten Website: Jürgen Wawrzyniak